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Der Funke muss überspringen

Auch wenn ich mich für einen Hund entschieden habe, mag ich trotzdem nicht alle Hunde. Ich möchte nicht, dass sie mir ihre Nasen zwischen die Beine stecken, ich möchte nicht von ihnen angesprungen werden, ich möchte keine Sabber auf meiner Kleidung und ich mag es nicht, wenn Tiere, deren Namen ich noch nicht einmal kenne, mir zu dicht auf die Pelle rücken. So. Und dann geschah das.

 

Es war wieder einmal ein Besuch bei einer Züchterin, einer überaus kompetenten Frau, Hundetrainerin, Hundetherapeutin, Hundeflüsterin aus Leidenschaft – einfach bemerkenswert. Am Telefon freundlich und unkompliziert. Meine Tochter und ich fahren also zwei Stunden über Land, um uns einen bereits 14 Wochen alten Welpen anzusehen. Wir kommen an. Randlage Industriegebiet, ein Haus wie ein Container, darum herum ein riesiges Auslaufgehege auf mehreren Ebenen. Wir bleiben vor dem Zaun stehen und staunen, mir rutscht das Herz in die Hose. Ein massiger Bernhardiner, der aussieht, als habe er die letzten Wochen kein Auge zugetan, nimmt uns mit seinen blutunterlaufenen Augen ins Visier. Um ihn herum ein kleiner kläffender Dackel, ein paar Hunde im Hintergrund, denen ich erst einmal keine Aufmerksamkeit schenken kann. Die Züchterin winkt uns herein. Ich zwänge mich durch das Tor, der Bernhardiner davor bewegt sich keinen Millimeter zur Seite und wischt mir erst einmal seine vor Sabber triefenden Lefzen an der hellen Hose ab. Okay, denke ich mir, ich bin aber auch selten blöd, so eine Hose ist ja auch nichts für Menschen mit Hund, die kannste aussortieren, sag ich mir. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich bei dem Wetter überhaupt eine lange Hose angezogen habe. Nicht auszudenken, dass dieser Riese sein Maul an meinen nackten Beinen abgestreift hätte. Und jetzt erst mal ein Feuchtigkeitstuch aus dem Handtäschchen ziehen, um sich frisch zu machen, aber das käme bei der Züchterin bestimmt nicht gut an. Diese Mission ist nichts für Prinzessinnen oder Menschen mit Hygienetick.

 

Der Kopf des Tieres reicht mir ungefähr bis zum Hosenbund und ich bin 1,80 groß. Respekt, denke ich, dabei ist der Bernhardiner völlig harmlos – und für seine gruseligen Augen kann er nichts. Dafür sollten wir den Dackel immer im Auge behalten, denn dem sitzt der Schalk im Nacken. Mal beißt er den Bernhardiner in die Seite, mal schnappt er sich ein begehrtes Spielzeug und verschwindet damit über alle Berge und mischts so die gesamte Meute auf, mal kläfft er einfach in die Runde, um zu zeigen: Hallo, hier bin! Das muss er vielleicht auch, um hier nicht unterzugehen, denn im Nebengehege warten so ungefähr weitere zwanzig Hunde darauf, frei gelassen zu werden und uns zu begrüßen. Nun ist es auch egal, denke ich, die Hose ist eh dreckig und meine Hände bereits braun vom Tätscheln des Riesen. Daran riechen werde ich nicht. Wir streicheln uns erst durch den Klassensatz Hunde, können uns dann aber wieder einmal nicht entscheiden. Meine Tochter ist nicht überzeugt, das kann ich in ihrem Gesicht lesen. Weder sie noch ich spüren den Impuls, dass es hier einen gibt, ohne den wir nicht nach Hause fahren können. Ich bleibe daher unverbindlich. Der 14 Wochen alte Welpe, um den es eigentlich ging, ist eine Seele von Hund, aber der Funke springt nicht über.

 

Als wir wieder im Auto sitzen, schauen meine Tochter und ich uns an, lachen und greifen dann gleichzeitig zu den Sagrotantüchern vorn im Handschuhfach. Diese Dinger sind endlich mal zu was nutze!

 

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