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Der will nur spielen oder Frühstück auf zwei Beinen

Heute hatte ich also meinen Der-will-nur-spielen-Moment.

 

Ich war im Hundehauslaufgebiet. Klar, dort laufen die Hunde in der Regel frei, wobei ich Boomer am Anfang auch hier an der Schleppleine hatte. Da der Rückruf gut klappt, gewähre ich ihm mittlerweile einen Auslauf ganz ohne Leine, aber um das klarzustellen: nur in dem ausgewiesenen Abschnitt. Gehe ich mit Boomer bei uns um die Ecke in den Park oder in den Wald, läuft er an der Leine. So sind die Regeln.

 

Aus der Hundeschule weiß ich, dass ich trotzdem gut auf Boomer achten muss. Sollte ihn ein Kollege zu sehr bedrängen, jagen oder einschüchtern, muss ich meinen Hund schützen. Er sollte nicht oder nicht zu oft negative Erfahrungen mit Artgenossen machen. Boomer ist ein interessierter, spielbegeisterter Hund, aber kein dominanter Jäger oder frecher Draufgänger. Ich wähle Zeiten, in denen ich meine, dass nur wenige Menschen mit ihren Hunden unterwegs sind. Boomer und ich sind ja noch am Anfang und müssen erst unsere – wohl dosierten – Erfahrungen machen.

 

Auf einem schnurgeraden Pfad abseits des Hauptweges sehe ich in einiger Entfernung drei große dunkle Erscheinungen. In der Mitte ein Mensch, rechts und links zwei riesige dunkelgraue Hunde. Solche Hunde habe ich noch nie gesehen. Ich bleibe stehen. Boomer schnüffelt etwas abseits in einem Haufen Herbstlaub. Ich überlege, umzudrehen oder Boomer anzuleinen. In meinem Kopf rattert es. Die Entgegenkommenden haben uns längst bemerkt. Auch Boomer springt nun freudig zurück auf den Weg, wedelt mit dem Schwanz, dann sieht er, dass er beobachtet wird. Der graue Riese, der immer noch eine ganze Ecke weit weg ist, legt sich auf die Erde. Seine Körperhaltung ist angespannt, der Kopf gereckt, die Pfoten ausgestreckt – Lauerposition. Jetzt habe ich Muffesausen. Da sprintet der Riese bereits los, Boomer ebenfalls, in seiner tapsigen Junghundeart.

 

Ich atme tief durch und setze auf den Halter, der seine Hunde kennt und im Griff hat. Kurz bevor sie aufeinandertreffen, schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf, alle drehen sich um Szenarien mit ungutem Ausgang für den niedlichen Hund, der aussieht wie ein Lämmchen. Wenn der Große den Kleinen beißt? Wo ist die nächste Tierklinik? Wie schwer können die Verletzungen sein? Und wenn er ihn tief in den Wald hinein jagt? Oder wenn er ihn einfach verspeist? Boomer sieht aus wie Frühstück auf zwei Beinen.

 

Dann stoppt der Große. Die beiden ungleichen Hunde beschnuppern sich. Ich fasse Mut, das wirkt doch alles ganz gut, aber natürlich wird das Spiel sofort wilder, der graue Riese drängt Boomer ab, bedrängt ihn, Boomer legt die Ohren an, duckt sich, zieht den Schwanz ein.

 

Ich sage: „Mein Hund hat Angst. Das ist nicht gut.“

Mein Gegenüber, älterer Mann, ich tippe auf Rentner: „Ach, das ist eine wichtige Erfahrung. Die kommen schon klar.“

Ich: „Mein Hund ist noch jung. Ich nehme ihn jetzt an die Leine.“

Er: „Ich würde das nicht machen. Da passiert doch nichts. Der ist nur etwas verspielt.“

Ich bücke mich, nehme Boomer zwischen meine Beine, streichle ihn und sage ihm, das alles gut ist.

Er: „Passen Sie auf, meiner gibt gern Küsschen!“

 

Das also ist die Horrorversion von Der-will-nur-spielen: die Schnauze eines Irischen Wolfshundes berührt mein Gesicht, wobei sein Kopf größer ist als meiner!!! Wenn es je eine Situation gab, in der dieses augenlose Emoji mit weitaufgerissenem Mund ohne Übertreibung passt, dann diese. Allerdings würde mir der Riesenwolf keine Gelegenheit lassen, mein Smartphone aus der Tasche zu holen, geschweige denn die Tastensperre aufzuheben. Ich könnte keine noch so kurze Nachricht absenden. Wie eingefroren stehe ich da und denke an Edvard Munchs Bild Der Schrei. Ein stummer Schrei. Nach Außen hin versuche ich Stärke zu zeigen. Ich richte mich kerzengrade auf. Mein Gegenüber hat sicher sofort gecheckt: Diese beiden hier sind eine leichte Beute.

 

Der Halter findet die Situation nicht besonders aufregend. Langsam schlendert er weiter. Der eine Riese folgt brav, der andere bleibt noch bei uns, stupst mit seiner Nase, die so breit ist wie meine ganze Hand, an meine Jackentasche, in der sich die Leckerlis für Boomer befinden. Ich ignoriere ihn, drehe mich um und entferne mich mit Boomer, ohne uns noch einmal nach der unheimlichen Begegnung umzudrehen.

 

Zu Hause recherchiere ich:

Der Irische Wolfshund gehört zu den größten Rassen der Welt. Seine Schulterhöhe kann bis zu einem Meter betragen. Stimmt. Sein Kopf reichte mir fast bis unter die Achseln. Im mittelalterlichen Irland wurde er zur Wolfs- und Bärenjagd eingesetzt. Und wie, frage ich mich, wird er heute sinnvoll beschäftigt, der Kleine? Da ist doch so ein winziges Hundeauslaufgebiet wie ein Vorgarten, der lediglich zum Pinkeln gut ist, aber Auslauf? Hallo?

 

Er sei selbstbewusst, steht da, na klar, bei der Körpergröße, aber zugleich auch anhänglich, sanftmütig und herzensgut, eben von großer innerer Ruhe.

Letztere Eigenschaften hat der eine der beiden Wolfshunde gezeigt, aber auf seinen Kumpel schien wohl eher folgende zuzutreffen: „Er braucht manchmal etwas länger, bis er auf Kommandos reagiert.“ Wobei... hat er überhaupt auf ein Kommando reagiert? Ach so, ne, gab ja auch kein Kommando von Seiten des Halters...

 

Während ich das hier aufschreibe, liegt übrigens das Lämmchen unter meinem Schreibtisch, auf dem Rücken, alle viere nach oben gestreckt, Boomer scheint sich sauwohl zu fühlen -  und sicher.

 

Wer noch einmal etwas zu den Verhaltensregeln für Hundehalter nachlesen möchte:

 

https://www.dogmenti.de/2014/04/02/verhaltensregeln-f%C3%BCr-den-verantwortungsbewussten-hundehalter/

 

Hundeauslaufgebiete in Berlin und Regeln für den Besuch

 

https://www.berlin.de/senuvk/forsten/hundeauslauf/

 

 

Mehr über den Irischen Wolfshund:

 

https://www.zooplus.de/magazin/hund/hunderassen/irischer-wolfshund

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