Ich Mensch, du Hund!

Die einfachsten Dinge sind nicht immer wirklich einfach. Heute liege ich im Bett. Ich bin ziemlich erkältet. Gerade habe ich noch etwas geschlafen. Natürlich ist das für Boomer nicht nachvollziehbar. Was soll das denn, scheint er sich zu fragen. Nachdem er aber tatsächlich noch etwas Ruhe gegeben hat, wird es ihm jetzt zu langweilig. Ich höre, wie er sich anschleicht. Kurz scheint er zu zögern. Ich rühre mich unter meinem Deckenberg nicht und hoffe, dass er sich einfach noch einmal zu meinen Füßen einrollt. Wie viele Stunden können Hunde am Tag schlafen? 18? Darauf kommt Boomer nie. Heute wäre mal die Gelegenheit dazu.

 

Er setzt an und mit einem Satz ist er auf dem Bett und streckt sich einmal längs aus - und zwar auf mir. Er kuschelt sein Köpfchen tief in die Decke, genau neben meinem Arm. So süß, denke ich. Für eine Sekunde. Eigentlich darf er sich nicht so ungeniert aufs Bett fläzen. Aber heute bin ich so schlapp, zu müde und zu nachsichtig. Nach wenigen Minuten wird er wieder unruhig. Er robbt noch näher an mich dran. Er schleckt an meiner Hand. Dann misst er mein Handgelenk in seinem Maul. Passt. Fühlt sich gut an, scheint er zu denken, er umschließt mein Handgelenk mit seinen Zähnen, ohne zuzubeißen. Er schließt die Augen und sieht aus, als genieße er. Kurz. Es ist wie bei kleinen Kindern: Kranksein und Kinder passen genauso wenig zusammen wie Kranksein und junge Hunde. Boomer wird jetzt nicht mit mir ein Genesungsschläfchen halten. Er will spielen. Ich Mensch - du Hund, möchte ich einwenden, ich bin die Bestimmerin hier! ... heute nicht.

 

Jetzt hat er Taschentücher entdeckt, nach denen er schnappt. Er wickelt sich nach rechts, nach links und wieder zurück. Er knabbert und zieht an meinem Ärmel. Ja, ich kann es verstehen - und auch wieder nicht. Draußen war er schon. Er könnte auch noch länger allein im großen Garten toben, will er aber nicht. Er will bei seinem Rudel sein. Ist klar. Aber das Rudel funktioniert heute nicht so wie sonst. Längst ist das, was Boomer hier veranstaltet, ein wildes Balgen. Er zeigt Zähne. Er wird immer wilder.

 

"Runter vom Bett!", rufe ich. Er schaut mich aus seinen großen Hundeaugen an. "Runter!", muss ich wiederholen. Nichts. Wenn ich nicht so Halsschmerzen hätte, würde ich laut schreien. Was hälfe das? Nichts. Hunde haben es nicht so mit Sprache und Wiederholungen und schon gar nicht mit Lautstärke, eher mit Taten. Ich wälze mich aus dem Bett. Boomer macht einen kraftvollen Satz und läuft noch vor mir die Treppe hinunter. Sein Schwänzchen wedelt freudig (ich weiß, dass es Rute heißt...). Aber ich bin immer noch nicht fit. Er darf kurz in den Garten. Als er wieder reingestürmt kommt, dirigiere ich ihn auf sein Hundeplätzchen. "Ich Mensch, du Hund!", sage ich in bestimmtem Ton. Dann halte ich ihm ein behaartes Kaninchenohr hin. Ich habe den Eindruck, dass er mich schelmisch anlächelt im Sinne von: "Na, bitte, geht doch!"

 

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