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Stadt, Land, Wald

Es regnet. Es regnet wie aus Kübeln. Während andere Teile des Landes im Schneechaos versinken, ist hier in Berlin graues Matschewetter, lauwarm. Früher - ohne Hund - hätte ich an solchen Tagen keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Aber Boomer ist es schnuppe. Egal, ob sich der Weg um den See und im Wald in eine Schlammwüste verwandeln, egal, ob heute Sonntag ist oder nicht, egal, ob ich gerade erst geputzt habe und keine Lust habe auf schlammverspritze Hunde, die sich im Flur kräftig schütteln.

 

Wir gehen raus, ich in Gummistiefeln, die seit neuestem zu meinem liebsten Schuhwerk gehören. Boomer geht wie er ist: mit seinem zotteligen hellen Schäfchenfell. Noch bevor wir den Wald erreichen, sind wir beide nass - wie zwei begossene Pudel. Boomers Fell liegt in kleinen Löckchen dicht an seinem Körper, eine "Minipli"-Frisur. Im Wald wühlt er in Löchern, schnüffelt in den Schlammfurchen, die eine Wildscheinrotte hinterlassen hat, läuft durch Pfützen, legt sich auf den Waldboden, um an einem Stock zu kauen. Während ich langsam durchweiche, verwandelt sich Boomer vom Schäfchen in ein kleines Wildschein. Aber ist das nicht ein tolles Wetter, denke ich? Warum nur hatte ich keine Lust bei Regen in den Wald zu gehen? Es ist zwar zu warm und zu matschig, aber der Regen tut dem Boden gut, der bis in den November hinein staubtrocken war. Boomer läuft und tobt und hechtet über eine Waldlichtung. Er hat Spaß!

 

Und wir sind nicht die einzigen, die sich bei Regen vor die Tür trauen. Das finde ich besonders kurios. Hier im Wald ist immer etwas los. Egal an welchem Wochentag, egal bei welchem Wetter, egal welchen Weg ich wähle: irgendjemand ist immer da, dem wir begegnen. Für mich ist das kurios, weil ich das nicht gewöhnt bin. Ich bin in einem kleinen nordhessischen Dorf groß geworden. Dort bin ich NIE irgendwem draußen begegnet. Die Straßen sind in der Regel wie ausgestorben - und der Wald erst recht. Keine Jogger, Fahrradfahrer oder Gassigänger - nichts, niemand, außer ein paar Waldtieren. Vielleicht möchten die Dorfbewohner vermeiden, dass die Nachbarn einen falschen Eindruck von ihnen bekommen, wenn sie sich zu lange und ohne ersichtlichen Grund im Freien aufhalten - gemäß des Sprichworts: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Menschen verlassen ihre Häuser, um zu arbeiten. Und man sieht sie im Garten, wenn es dort etwas zu tun gibt: Holz hacken, Bäume schneiden, Äpfel ernten, Unkraut jäten, Rasen mähen ... Im Winter gibt es nicht viel draußen zu tun, vor allem, wenn kein Schnee fällt, den man wegschaufeln muss! Daher wirkt das Dorf zu dieser Jahreszeit völlig verwaist. Und ich bin mir sicher, dass jeder Fremde, der sich hierher verirrt, ob mit oder ohne Hund, von den Fenstern aus genau beobachtet und registriert wird...

 

Vor zwei Wochen haben wir unsere Eltern besucht. Dort war ich mit Boomer im Wald. Zwei Stunden lang bin ich keiner Menschenseele begegnet. Boomer konnte ich ohne Leine laufen lassen. Paradiesisch. Ich musste nicht ständig aufpassen, dass ein Fahrradfahrer wie aus dem Nichts auftaucht oder ein anderer Spaziergänger (in einem solchen Fall nehme ich Boomers Schleppleine sofort auf).

 

Die Städter hingegen nutzen jeden grünen Flecken in der Stadt, am Stadtrand und darüber hinaus zur Erholung. Recht haben sie! In der Stadt sehnt man sich nach dem, was für Dorfbewohner selbstverständlich zu sein scheint: Bäume, Sträucher, Wiesen, Regen und Schlamm.

 

Als wir aus dem Wald kommen, begegnen Boomer und ich Touristen, die von Kopf bis Fuß in orangerote Regencape-Zelte gehüllt sind. Die beiden sehen aus wie in XXL-Müllsäcke gewandet. Man sieht nur noch einen signalfarbenen unförmigen Berg, der sich zielstrebig in eine Richtung bewegt. Gesicht, Hände, Beine sind verschwunden. Bei jedem Schritt blitzt eine Schuhspitze unter dem Plastik hervor. Und wenn es sich nicht um den Glöckner von Norte Dame handelt, tragen sie Rücksäcke unter dem Überwurf.

 

Bisher war ich eine Verfechterin des Sprichworts "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung", aber vielleicht sollte es heißen: Es gibt kein schlechtes Wetter, aber scheußliche Kleidung? Wie auch immer. Als altes Dorfmädchen verzichte ich natürlich auf jeglichen Regenschutz. Und so sehen Boomer und ich nach unserem Spaziergang aus, als wären wir im See schwimmen gewesen und hätten uns danach im Schlamm gewälzt. In meinem Dorf wären wir so vermutlich unsichtbar gewesen, weil wir uns kaum mehr von der Umgebung abheben. Die beiden Müllsack-Träger hingegen hätten Aufsehen erregt, da bin ich mir sicher.

 

 

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